Zeitschrift Arbeit, Jahrgang 2011

Heft 1 Heft 2 Heft 3

 

Heft 1/2011

Abhandlungen

Maximiliane Wilkesmann, Uwe Wilkesmann, Alfredo Virgillito:
Erwartungen an Interessenvertretungen aus der Perspektive von abhängig Beschäftigten

In diesem Beitrag gehen wir der Frage nach, welche Erwartungen abhängig Beschäftigte an ihre Interessenvertretung haben. Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, skizzieren wir den Stand der Forschung zu Interessenvertretungen und Erwartungen an Interessenvertretungen.Bis auf einige wenige Hinweise stellen sich Erwartungen an Interessenvertretungen als ein blinder Fleck in der Erforschung industrieller Beziehungen dar, den wir mit Hilfe einer qualitativen Studie explorativ erforschen. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass vier Erwartungstypen unterschieden werden können: (1) Weitergabe von Informationen, (2) persönliche Unterstützung, (3) Sprachrohr der Belegschaft und (4) Kontrolle von kollektiven Regulierungsgegenständen. Darüber hinaus wurden von den Befragten Erwartungen zu persönlichen Eigenschaften und zum Verhältnis zur Geschäftsleitung genannt. Ein geringes Wissen zu Interessenvertretungen führt oftmals zu Erwartungen, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehen.

Michael Buestrich, Frank-Peter Oltmann:
Die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit Älterer zwischen politischen Ansprüchen und den veränderten Bedürfnissen der „jungen Alten“: Die „Initiative 50plus“

Die arbeitsmarktpolitische Wiederentdeckung der Förderung älterer Arbeitnehmer und Arbeitsuchender im Rahmen der „Initiative 50 Plus“ wird vornehmlich demografisch begründet. Mit dem Verweis auf die Unterjüngung bzw. Überalterung der Bevölkerung erscheinen längere Lebensarbeitszeiten quasi unwidersprechlich. Zugleich wird ein verändertes (Selbst-)Bild der „neuen“ Senioren angeführt, die anders als frühere Generationen, auch im Alter „aktiv“ und das bedeutet auch erwerbstätig sein wollen. Der Beitrag fragt nach der Stichhaltigkeit dieser Begründungszusammenhänge und verortet den Grund des steigenden Interesses der Politik an der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer dabei weniger arbeitsmarktpolitisch: Es sind letztlich fiskalische Gründe, die ihre forcierte Beschäftigung zukünftig alternativlos erscheinen lassen.

Lars Borgmann, Jens Rowold:
Eine Taxonomie organisationaler Strukturdimensionen und ihre Anwendung in der Führungsforschung

Mehrere aktuell diskutierte Theorien erfolgreicher Führung werden gegenwärtig hinsichtlich kontextualer Einschränkungen kritisch hinterfragt und aufgrund empirischer Ergebnisse präzisiert. Jedoch erfolgt diese kontextfokussierte Forschung selten theoriegeleitet, da in der Führungsforschung bislang kein einheitliches System von Dimensionen der Organisationsstruktur zu finden ist. Der vorliegende Beitrag versucht diese Lücke zu schließen, indem eine Taxonomie von organisationalen Strukturdimensionen kritisch geprüft wird. Die definierten Strukturdimensionen ergeben sich aus einer kritischen Diskussion aktueller, vor allem betriebswirtschaftlicher Literatur. Die Strukturdimensionen lassen sich als Kontextbedingungen effektiver Führung verstehen und bieten daher die Möglichkeit, Fortschritte für die Führungsforschung zu ermöglichen.

Hartmut Seifert:
Atypische Beschäftigung in Japan und Deutschland

Der Beitrag vergleicht atypische Beschäftigungsformen in Japan und Deutschland, zwei Ländern mit unterschiedlichen Regelungsstrukturen. Ungeachtet dieser Unterschiede zeigen Teilzeit- und Leiharbeit sowie befristete Beschäftigung eine erstaunlich hohe Parallelität bei Ausmaß und Entwicklung. Für weibliche Beschäftigte sind atypische Beschäftigungsverhältnisse zur „neuen Normalität“ geworden. In beiden Ländern sind atypisch Beschäftigte sowohl beim Einkommen als auch beim Zugang zu betrieblicher Weiterbildung gegenüber vergleichbaren Beschäftigten mit Normalarbeitsverhältnissen benachteiligt. In Deutschland, wo das „Equal-treatment- Prinzip“ besser verankert ist als in Japan, fallen die Benachteiligungen auch nicht ganz so krass aus.

 

Rezensionen

Elke Wiechmann, Leo Kißler:
Kommunale Demographiepolitik. Antworten auf den sozio-demographischen Wandel in den Rathäusern
besprochen von Maren Kohrsmeyer, Bochum

Gudrun Faller:
Lehrbuch Betriebliche Gesundheitsförderung
besprochen von Hans-Werner Bierhoff und Lisa Tietz, Bochum

Alexander Neumann:
Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss
besprochen von Stefan Kerber-Clasen, Saarbrücken

 


Heft 2/2011

Abhandlungen

Frank Striewe, Markus G. Schwering:
Partizipation und Belastung von Unternehmensberatern - Empirische Befunde zu den Risiken und Nebenwirkungen »wissensintensiver« Arbeit

Die Nutzung des Wissens und die Aktivierung des Lernpotenzials von Beschäftigten gelten als Schlüssel zur Sicherung dauerhafter Wettbewerbsvorteile von Unternehmen. Vor diesem Hintergrund rücken partizipative Gestaltungsüberlegungen stärker in den Mittelpunkt arbeitswissenschaftlicher Untersuchungen. Gilt aus arbeitspsychologischer Sicht die Selbstregulation der Arbeit seit langem als Kernelement einer persönlichkeitsförderlichen und humanen Arbeitsgestaltung, deuten inzwischen empirische Befunde auf eine Reihe von Problemen hin, die für die Beschäftigten in wissensintensiven Arbeitsformen mit einem hohen Partizipationsgrad einhergehen. In diesem Beitrag wird der Zusammenhang von Partizipation und Belastung am Beispiel von Beschäftigten in Beratungsunternehmen empirisch untersucht.

Falko Trischler, Markus Holler:
Die Befragung zum DGB-Index „Gute Arbeit“ als Datenbasis für die arbeitswissenschaftliche Forschung?Ein Vergleich mit der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2005/06

Grundsätzlich liefert die DGB-Befragung Ergebnisse, die mit denen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung vergleichbar sind. Trotz ähnlicher Konzeption und teils sehr ähnlicher Fragestellungen ist allerdings zu berücksichtigen, dass Abweichungen in der Kategorisierung der Antwortskalen zu anderen Verteilungen führen. Es kann jedoch gezeigt werden, dass beide Erhebungen in der Verteilung von Arbeitsbedingungen auf unterschiedliche Berufs- und Beschäftigtengruppen weitgehend übereinstimmen. Auch Zusammenhänge zu anderen Variablen gestalten sich zumindest größtenteils ähnlich. Dies trifft insbesondere zu, wenn nicht nur Einzelitems, sondern Faktorwerte herangezogen werden.

Jochen Hirschle:
Familie, Geschlecht und Klassenmobilität: Der Einfluss der Geburt eines Kindes auf die Berufskarrieren von Frauen und Männern

Der Beitrag untersucht den Einfluss, den die Geburt eines Kindes und die Phase der Sozialisation auf die Erwerbskarrieren von Frauen haben. Die Analyse greift auf die balancierten Längsschnittdaten des Sozio-oekonomischen Panels zurück (SOEP 1984-2007). Dabei werden Männer und Frauen im Hinblick auf ihre Klassenmobilität in den nachfolgenden sechs Jahren nach Geburt eines Kindes betrachtet. Im Speziellen wird analysiert, in welcher Weise sich die Erwerbskarrieren von Frauen und Männern, die vor der Geburt des Kindes der gleichen Klassenlage (Goldthorpe Schema) angehören, in den Folgejahren entwickeln. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen nach der Rückkehr ins Berufsleben häufig in eine (niedrigere) Berufsklasse absteigen. Darüber hinaus haben sie langfristig deutlich geringere Aufstiegschancen als Männer.

Walter Hönig, Harald Stummer:
Weiterbildungsmotivation älterer Mitarbeiter in der Elektroindustrie. Eine explorative Studie

Berufliche Weiterbildung älterer Mitarbeiter findet in Deutschland nur in geringem Ausmaß statt. So investieren Firmen ab einem gewissen Alter ihres Personals kaum mehr in deren Bildung, aber auch ältere Mitarbeiter selbst werden häufig als weiterbildungsabstinent und damit bildungsfern bezeichnet. Die vorliegende explorative Studie in der Elektro- und Elektronikindustrie mit 328 Arbeitnehmern untersucht in einem ersten Schritt diesen Mythos der Weiterbildungsabstinenz und Bildungsferne mittels eines standardisierten Leistungsmotivationsinventars zur Messung der Weiterbildungsmotivation. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Meinungen in der öffentlichen Diskussion dabei nicht bestätigt werden können. So zeigen sich Mitarbeiter über 50 Jahren durchaus als hoch motiviert in der beruflichen Weiterbildung, was noch stärker auf höher gebildete Personen zutrifft. Ebenfalls zeigen Männer eine höhere Lernbereitschaft als Frauen. In Hinblick auf die demografische Entwicklung und dem dadurch zu erwartenden höheren Beschäftigungsanteil der über 50-jährigen scheint mindestens die Motivation und die Lernbereitschaft der älteren Mitarbeiter den aktuellen wirtschaftlichen Änderungs- und dadurch Weiterbildungsbedürfnissen nicht im Wege zu stehen.

 

Rezensionen

Norbert Altmann, Fritz Böhle (Hg.):
Nach dem „kurzen Traum“. Neue Orientierungen in der Arbeitsforschung
besprochen von Friedrich Fürstenberg, Bad Honnef

Dina Loffing, Christian Loffing:
Mitarbeiterbindung ist lernbar. Praxiswissen für Führungskräfte in Gesundheitsfachberufen
besprochen von Christina Goesmann, Dortmund

Markus Hertwig:
„Die Praxis anderer Vertretungsorgane“. Formen, Funktionen und Wirksamkeit
besprochen von Ingrid Artus, Erlangen-Nürnberg

Konstanze Senge:
Das Neue am Neo-Institutionalismus im Kontext der Organisationswissenschaft
besprochen von Martin Seeliger, Bochum

 


Heft 3/2011

Abhandlungen

Peter Ittermann, Jörg Abel, Werner Dostal:
Industrielle Einfacharbeit – Stabilität und Perspektiven

Der Beitrag thematisiert die Strukturen und Entwicklungsdynamiken industrieller Einfacharbeit und vertritt entgegen anderslautender Diagnosen die These, dass diese kein Auslaufmodell in der Wissensgesellschaft ist. Auf der Basis empirischer Befunde wird gezeigt, dass von einem stabilen Sockel der Einfacharbeit auszugehen ist und zahlreiche Kernzonen dafür in der Industrie identifiziert werden können. Das Beispiel der Ernährungsindustrie verdeutlicht, dass einfache, gering qualifizierte Tätigkeiten ein zentrales Moment in der Produktion und Verpackung von Lebensmitteln sind. Zwar sind die Arbeitsanforderungen auf einem niedrigen Niveau, dennoch ergeben sich verschiedene arbeitsorganisatorische Muster von mehr oder weniger angereicherter Einfacharbeit.

Gerhard Bosch, Claudia Weinkopf:
„Einfacharbeit“ im Dienstleistungssektor

Der Anteil der Einfacharbeitsplätze im Dienstleistungssektor liegt prozentual niedriger als im Produzierenden Gewerbe. Aufgrund des hohen Anteils des Dienstleistungssektors an der Gesamtbeschäftigung entfallen aber rund drei Viertel aller Einfacharbeitsplätze in Deutschland auf den Dienstleistungssektor. Fallstudien zu Stellenbesetzungsprozessen in 25 Dienstleistungsunternehmen zeigen, dass die Anforderungen an einfache Dienstleistungstätigkeiten aufgrund der technischen Vernetzung, der zunehmenden Kundenkontakte und der teilweise ambulanten Tätigkeit beim Kunden gestiegen sind. Neben guter Allgemeinbildung werden ein ansprechendes Äußeres und soziale Schlüsselqualifikationen gefragt. Zunehmend werden beruflich Qualifizierte für diese Tätigkeiten rekrutiert. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das Segment einfacher Arbeit in der Segmentationstheorie ausdifferenziert werden sollte. Zu unterscheiden wäre zwischen einfachen spracharmen und komplexeren kommunikationsintensiven Dienstleistungstätigkeiten.

Lutz Bellmann, Jens Stegmaier:
Einfacharbeit in der Krise?

Beschäftigte in Tätigkeiten, für die keine Berufsausbildung erforderlich ist (einfache Arbeit), gelten schon seit längerem als problematische Personengruppe des Arbeitsmarkts. Anhand der Daten des IAB-Betriebspanels setzt sich dieser Beitrag mit der Entwicklung der einfachen Arbeit seit 2001 aus der betrieblichen Sicht auseinander und untersucht den Einfluss der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise auf das Beschäftigungssegment der einfachen Arbeit. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung der einfachen Arbeit von sektorspezifischen Besonderheiten geprägt ist. Die Ergebnisse von Differenz-von-Differenzen-Regressionen zeigen ferner für die von der Krise betroffenen Betriebe, dass der Beschäftigungsverlust zwischen 2008 und 2009 für die Beschäftigten in Tätigkeiten, für die keine Berufsausbildung erforderlich ist, mit fast 10 % wesentlich größer war, als bei den Beschäftigten in qualifizierten Tätigkeiten (–3,3 %).

Reinhard Bahnmüller:
Neubewertung von (Einfach-)Arbeit durch ERA in der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württembergs

In den Jahren 2006 bis 2010 wurden in allen Tarifgebieten der deutschen Metall- und Elektroindustrie (M+E-Industrie) neue Entgeltrahmentarifverträge (ERA) eingeführt und in diesem Zuge alle Arbeitsaufgaben, somit auch „Einfacharbeit“, neu bewertet. Der Beitrag informiert über die Zielsetzungen von ERA und mit Schwerpunkt Baden-Württemberg sowie über die Bewertung und Vergütung von „Einfacharbeit“, hier verstanden als Nicht-Facharbeit, vor und nach ERA. Dabei wird erstens, gestützt auf Daten der Arbeitsbewertung, gezeigt, dass der Anteil von Beschäftigten unterhalb des Niveaus von Facharbeit seit dreißig Jahren beständig sinkt. Zweitens wird die These vertreten, dass ERA tarifsystematisch zwar nicht zu einer Verbilligung von „Einfacharbeit“ führt, dieser Effekt gleichwohl nach Ablauf der tariflichen Absicherungen eintreten dürfte, da sich die reale Eingruppierung von der tariflichen Papierlage teilweise erheblich entfernt hatte, d. h. „Einfacharbeit“ höher eingruppiert war.

James Wickham:
Low Skill Manufacturing Work: from skill biased change to technological Regression

The theory of the Knowledge Based Society posits a decline of employment both in manufacturing industry and in low skill work generally. The paper explores the logic of this argument and presents possible criticisms. Firstly, computerisation does not remove the need for unskilled but non-routine work in industry. Secondly, when employers can use easily controlled labour (such as new immigrants) this may mean technological stagnation or even regression – and the continuation of unskilled work. In the extreme third case, immigration can even allow the expansion of new forms of low skill manufacturing.

 

Kurzbeiträge

Roland Springer:
Neue Führungskonzepte in der Industrie – Acht Thesen zur Dialektik industrieller Organisationsentwicklung

Detlef Gerst:
Sind ganzheitliche Produktionssysteme und Gute Arbeit vereinbar?

 

Rezensionen

Guido Becke, Rüdiger Klatt, Burkhard Schmidt, Brigitte Stieler-Lorenz, Hans Uske (Hrsg.):
Innovation durch Prävention. Gesundheitsförderliche Gestaltung von Wissensarbeit
besprochen von Andreas Boes, Katrin Gül, Tobias Kämpf, München

Christine Witteck:
Bestimmungsgründe dysfunktionalen Verhaltens in Organisationen
besprochen von Stefan Klaussner, Berlin

Sascha Münnich:
Interessen und Ideen. Die Entstehung der Arbeitslosenversicherung in Deutschland und den USA
besprochen von Ingo Bode, Kassel